Griechenland, Antikapitalistische Linke ANTARSYA: "Das Parlament ist nicht unser Schwerpunkt"

Bei Wahl am Sonntag tritt in Griechenland auch ANTARSYA an – die antikapitalistische Linke. Ein Gespräch mit Sotiris Kontogannis

Wladek Flakin
Sotiris Kontogannis ist Journalist der griechischen Zeitung Arbeitersoli­darität und Mitglied im Bündnis ANTARSYA (­Antikapitalistische Linke für den Umsturz). Er sprach am Wochenende in Berlin auf dem Kongreß »MarxIsMuss«

Viele Umfragen gehen davon aus, daß die Koalition der radikalen Linken, SYRIZA, die Parlamentswahlen am kommenden Sonntag gewinnen könnte. Warum ist SYRIZA so attraktiv für viele Griechen?

Das ist ein Ergebnis der Kämpfe der vergangenen zwei Jahre – wir hatten immerhin 17 Generalstreiks und zwei Versuche, das Parlament zu stürmen. An vielen Tagen sah Athen wie ein Kriegsschauplatz aus. Dazu gab es auch zahlreiche wichtige Streiks, z.B. im Stahlwerk Halivugia. Die Bevölkerung hat sich radikalisiert – 32 Prozent haben am 6. Mai für SYRIZA, die Kommunistische Partei (KKE), die Demokratische Linke und das Bündnis ­ANTARSYA gestimmt.

 

Wie ist Ihr Bündnis ­ANTARSYA entstanden?

Verschiedene Organisationen und Einzelpersonen haben sich im Dezember 2008 zusammengetan – damals gab es vor allem in Athen eine Jugendrevolte, nachdem Polizisten den Schüler Alexis Grigoropoulos erschossen hatten. Am 6. Mai sind wir mit über 100000 Stimmen auf 1,2 Prozent gekommen. Das ist zwar dreimal mehr als bei den Wahlen zuvor, aber immer noch zu wenig.

Parlamentswahlen sind ohnehin nicht unser Schwerpunkt, wir konzentrieren uns auf die Kämpfe der Studierenden und der Arbeiter.

Und warum tritt ANTARSYA konkurrierend zu SYRIZA an?

Unsere Vorstellungen haben sicher zur Radikalisierung beigetragen. Von Anfang an haben wir die komplette Streichung aller Staatsschulden verlangt, ebenso den Austritt aus dem Euro, die Verstaatlichung der Banken und die Arbeiterkontrolle in der Wirtschaft. SYRIZA hingegen war lange gegen solche Forderungen. Bis heute vertritt dieses Bündnis die Position, daß nur ein Teil der Ansprüchen der Banken beglichen werden soll, nachdem eine Kommission zwischen »legitimen« und »illegitimen« Schulden unterschieden hat.

Egal, ob SYRIZA die Wahlen gewinnt oder nicht – es ist sehr wichtig, daß es in den Bewegungen eine starke antikapitalistische Linke gibt. Das haben wir 2006 am Beispiel Italien gesehen: Die radikale Linke zerbröselte, nachdem einige ihrer wichtigsten Leute in das Kabinett des Mitte-Links-Politikers Romano Prodi eingetreten waren. In Griechenland muß die antikapitalistische Linke unabhängig bleiben – sie darf nicht Teil einer Regierung werden, die den Kapitalismus verwaltet.

Andererseits führen wir aber auch keinen Wahlkampf gegen SYRIZA. Ich weiß, daß die Leute, die für Alexis Tsipras gestimmt haben, meine Genossen sind – wir haben oft zusammen auf der Straße gekämpft. Trotzdem müssen radikale Vorschläge in die Diskussion gebracht werden, damit ­SYRIZA nicht dem Druck von rechts nachgibt und Zugeständnisse macht.

Wagen Sie eine Prognose, wie es nach der Wahl weitergeht?

Es ist möglich, daß die konservative Partei Nea Dimokratia, ND, die Wahl gewinnt. Denn seit Wochen gibt es eine europaweite Propagandakampagne, um die Griechen von der Wahl einer linken Partei abzuhalten – daran beteiligen sich nicht zuletzt IWF-Chefin Christine Lagarde, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatpräsident François Hollande. Ich gehe davon aus, daß große Teile der Arbeiterklasse einen so durchgesetzten Wahlsieg der ND nicht hinnehmen würden – es wäre so etwas wie ein »parlamentarischer Putsch«. Es würde zu Massenprotesten kommen.

Es ist aber auch möglich, daß SYRIZA die Wahl gewinnt und eine Regierung bilden kann. Der wirtschaftspolitische Sprecher des Bündnisses hat die Möglichkeit einer Koalition mit den »Unabhängigen Griechen« ins Gespräch gebracht – das ist eine rechte Abspaltung der ND. Vielleicht könnte SYRIZA auch mit der »Demokratischen Linken« koalieren.

Eine linke Regierung würde auf jeden Fall eine chaotische Situation hervorrufen. Was passiert, wenn sich Merkel weigert, mit dem griechischen Ministerpräsidenten zu sprechen? Es wird einen enormen Druck auf SYRIZA geben, vom eigenen Programm abzuweichen. In diesem Fall würden Arbeiter und Jugendliche wieder massenhaft auf die Straße gehen.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/06-12/051.php

(c) Junge Welt 2012

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Die Wochenzeitung "Arbeitersolidarität" wird von der griechischen Sozialistischen Arbeiterpartei (Sosialistiko Ergatiko Komma, SEK) herausgegeben, die der "International Socialist Tendency" (IST) angehört.

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