Karl Schlögel begibt sich auf die Reise nach Mokau, ins Jahr 1937- dem Jahr der "Moskauer Prozesse", dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors.
Karl Schlögel, intimer Kenner der russischen Geschichte (1), schreibt jenes Buch, das er "schon immer machen wollte": Über das Jahr 1937 und seine "Hexenprozesse", dem u.a. fast alle noch lebenden Mitkämpfer von Lenin zum Opfer fielen.
In 4O "Stationen" beleuchtet er das Leben in der Stadt, ihre Menschen, die sozialen und politischen Umbrüche - und in diesem Kontext eben die inszenierten Schauprozesse: Beginnend mit Bulgakows Schlüsselroman "Der Meister und Margarita", über die "Baustelle Moskau", also die Wandlung der Hauptstadt in eine moderne Metropole, zentrale kulturelle Ereignisse wie das Puschkin - Gedenkjahr; das berüchtigte Februar-März-Plenum der Kommunistischen Partei - bis hin zur "Liquidierung" Bucharins, dem einstigen "Liebling der Partei".
Schlögel verarbeitet eine Fülle von Informationen, aktuellen Forschungsergebnissen und eröffnet neue Perspektiven. Klarer wird, warum der wahnwitzige Terror greifen konnte - weil er sich auch auf der Folie des "Traumes" abspielte: Der rasante - gewaltsam erzwungene - soziale Wandel durch die Industrialisierung und die mit ihm verknüpften Hoffnungen, die (Bildungs-) Chancen für breite Gesellschaftsschichten, das Bedürfnis nach "Ruhe" nach der Orgie der Zwangkollektivierungen und der nur allzuberechtigten Angst vor dem Krieg mit Nazi-Deutschland.
Erschütternd das Kapitel über den "Schießplatz Butowo-Topographie des Grossen Terrors" (S. 603 ff.) - einem Ort des Massenabschlachtens; oder die Schilderung des tragischen Endes Bucharins, der in seiner Naivität im Falle einer Freilassung durch Stalin in den USA die Rolle eines "Anti-Trotzki" spielen wollte (S. 676).
Schlögel wählt eine spezifische Methode, die Schilderung der gleichzeitig ablaufenden Ereignisse. "Der Ausganspunkt ist nicht eine weitere These über das Wesen oder die Dynamik des "Stalinismus", sondern der Versuch, den Moment, die Konstellation, die schon die Zeitgenossen als "Geschichtszeichen" empfunden haben, wie in einem Prisma zu erfassen und zu vergegenwärtigen"(S. 22 f.).
Mit dieser Sichtweise gelingen sicher interessante Einblicke und Erkenntnisse. Sie ist aber auch der methodische "Pferdefuß" des Buches - um es in der mephistophelischen Sprache von "Meister und Margarita" auszudrücken. An manchen Schlüsselstellen wäre sehr wohl ein Mehr an begrifflicher Durchdringung angebracht. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die spezifische Erscheinungsform der Machtausübung in der Sowjetunion - die Herrschaft einer Bürokratie, die sich den nachrevolutionären Staat unter den Nagel gerissen hat und über die entscheidenden Produktionsmittel verfügt - aber eben nicht besitzt(!)- wird nur kursorisch behandelt (2).
Solche Defizite sollten jedoch nicht von einer gründlichen, eben kritischen Lektüre des fesselnden Buches abhalten. Im Gegenteil: Zu einem Zeitpunkt, wo der Kapitalismus weltweit seine schwerste Krise seit 1945 durchlebt, durch das Versagen sozialdemokratischer und kommunistischer Parteien die (ideologische) Krise der Linken evident ist und sogar neostalinistische Tendenzen auftauchen (3) ist es unverzichtbar, klar zu machen , dass es keinerlei Rückkehr zu stalinistischer Nostalgie geben kann. Ein revolutionärer, emanzipativer "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" hat den fundamentalen Bruch mit der Schreckenherrschaft Stalins und seiner mörderischern Kumpanen zur Grundvoraussetzung.
Hermann Dworczak
(1) Siehe Karl Schlögel Petersburg. Das Laboratoriom der Moderne 1909- 1921. München Wien 2002; Karl Schlögel Das Russische Berlin. München 1998.
(2) Zum Problemkreis "Bürokratie" siehe u.a. Ernest Mandel, power and money. London New York 1992. Helmut Dahmer Die Moskauer Prozesse 1936- 1938 und: Stalins Massenterror, Berlin 2008. Weiters: Reinhard Kannonier: Zentralismus oder Demokratie. Zur Organisationsfrage in der Arbeiterbewegung. Wien 1983.
(3) Christoph Jünke: Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute. Köln 2007.
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Karl Schlögel TERROR UND TRAUM
Moskau 1937 Carl Hanser Verlag München 2008. 811 Seiten. 30,80 Euro.
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