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Neuerscheinung: Ellen Meiksins Wood, Demokratie kontra Kapitalismus. Erneuerung des Histomat.

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Ganz frisch aus der Druckerpresse ausgeliefert die deutsche Übersetzung eines neueren Klassikers zur marxistischen Theorie- und Geschichtsdiskussion. Ellen Meiksins Wood: "Demokratie kontra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus", Neuer ISP-Verlag 2010. Wood ist eine angelsächsische Marxistin aus der Tradition sowohl der Neuen Linken wie der britischen kommunistischen Historikergruppe (Thompson, Hill, Hobsbawm, und viele andere), schreibt zurzeit an einer Sozialgeschichte politischer Ideen. Aufmerksame SoZ-LeserInnen kennen sie natürlich schon. In der neuen soz plus soll demnächst auch ein Text von ihr erscheinen.

Zu Wood gibt es Infos auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Ellen_Meiksins_Wood
ausführlicher im neuen Buch: http://www.neuerispverlag.de/aushang/idnr127_vorbemerkung.pdf
auf der homepage findet Ihr auch das Inhaltsverzeichnis.
Es sei allen ans Herz und Hirn gelegt und ist es wert, darüber eine breitere Auseinandersetzung zu führen. Vorbemerkung des Verlages (Neuer ISP-Verlag)

Vorbemerkung des Verlages

Dass wir hiermit ein Buch erstmals in deutscher Übersetzung verlegen, des-
sen englisches Original bereits vor 15 Jahren erschien, bedarf für manche viel-
leicht der Erklärung.
Nicht nur, aber vor allem hat unsere Entscheidung damit zu tun, dass es
sich bei Ellen Meiksins Woods Werk Democracy against Capitalism. Rene-
wing Historical Materialism um einen Beitrag zur  neueren internationalen
Marxismus-Diskussion handelt, der bereits zum Klassiker geworden ist. Wir
haben es hierbei mit einem der wichtigsten und anregendsten Versuche der
letzten beiden Jahrzehnte zu tun, den historischen Materialismus zu erneuern
und auf die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsform in Geschichte und
Gegenwart anzuwenden.

Ellen Meiksins Wood gilt als eine der bedeutendsten marxistischen Theo-
retikerInnen der angloamerikanischen Welt. 1942 in New York geboren, stu-
dierte sie in den sechziger Jahren an der University of California. Von 1967
bis 1997 unterrichtete sie Politische Wissenschaften an der York University in
Toronto, Kanada, und veröffentlichte  in den siebziger Jahren erste Bücher
und Aufsätze (u. a. zusammen mit ihrem 2003 gestorbenen Ehemann Neal
Wood). Einem größeren Publikum wurde sie aber erst in den achtziger Jah-
ren bekannt, als Redakteurin der renommierten britischen Theoriezeitschrift
New Left Review und als Autorin des preisgekrönten Werkes The Retreat
from Class: A New »True« Socialism (London 1986), in welchem sie sich kri-
tisch mit postmarxistischen und postmodernen Theoretikern der internatio-
nalen Linken auseinandersetzt. In den dann folgenden Büchern Peasant-Citi-
zen and Slave: The Foundations of Athenian Democracy (London 1988), The
Pristine Culture of Capitalism (London 1992), Democracy Against Capita-
lism: Renewing Historical Materialism (Cambridge 1995) und The Origin of
Capitalism: A Longer View (London 2002) widmete sie sich vor allem der
Diskussion über die sozialgeschichtliche Herausbildung des modernen Kapi-
talismus und die unterschiedlichen Grundlagen antiker wie moderner Demo-
kratiekonzeptionen. Der politisch-theoretische Aufbruch der internationalen
Linken am Ende der neunziger Jahre sah sie als aktive Herausgeberin der US-
amerikanischen Zeitschrift Monthly Review, für die sie von 1997 bis 2000
verantwortlich zeichnete und zahllose Beiträge verfasste. Nachdem ihr Werk
bereits in zahllose Sprachen übersetzt war, wurde sie nun auch in Deutsch-
land wahrgenommen und übersetzt, nicht nur, aber vor allem in den Zeit-
schriften Sozialistische Zeitung (Köln) und Sozialismus (mit ihrem Hambur-
7ger Verlag VSA). Heute lebt Ellen Meiksins Wood in London, unterstützt das
internationale sozialistische Jahrbuch Socialist Register und die US-amerika-
nische Zeitschrift Against the Current und schreibt gelegentlich auch für die
London Review of Books. 2003 veröffentlichte sie in ihrem Londoner Haus-
Verlag Verso ein vielbeachtetes Werk zur neueren Imperialismusdebatte (Em-
pire of Capital) und 2008 erschien der erste Band einer ehrgeizigen Sozialge-
schichte politischer Theorie (Citizens to Lords: A Social History of Western
Political Thought from Antiquity to the Middle Ages).

Democracy Against Capitalism nun nimmt in diesem Lebenswerk einen
besonderen Platz ein, da es die großen Themen des Wood’schen Œuvres zen-
tral verklammert. Die Erstfassungen der dem Buch zugrunde liegenden Bei-
träge wurden überwiegend in gerade jenem Jahrzehnt von der Mitte der acht-
ziger bis zur Mitte der neunziger Jahre verfasst, das den weitreichenden Zu-
sammenbruch linker Praxis und linker Hoffnungen sah, zuerst mit dem Ver-
blassen der Neuen Linken und dem Niedergang der Befreiungsbewegungen
der Dritten Welt, schließlich mit dem Zusammenbruch des einstmals real
existierenden Sozialismus. Doch auch nach dem »Kollaps des Kommunis-
mus«, so Meiksins Wood selbstbewusst, ist das theoretische Kernprojekt des
Marxismus, die Kapitalismuskritik, von zentraler Wichtigkeit und ausgespro-
chen zeitgemäß. Sie grenzt sich damit gegen die in den 1980er und 1990er
Jahren dominante intellektuelle Mode ab, die Kritik des kapitalistischen Sys-
tems für obsolet zu halten und stattdessen die vermeintlich postmoderne
Fragmentierung in den Blick zu nehmen. »Differenz«, »Kontingenz« und
»Identitätspolitik« können aber, so Wood, das historische System des Kapita-
lismus weder richtig denken noch es einer wirklichen Kritik unterziehen.
In Abgrenzung gegen solcherart Postmarxismen und Postmodernismen
unternimmt sie es, das kritische Programm des historischen Materialismus zu
erneuern. Im ersten Teil des Buches denkt sie die für den historischen Mate-
rialismus grundlegenden Theoreme und dessen Geschichtstheorie auf origi-
nelle Weise neu und arbeitet dabei die spezifische Eigenart des Kapitalismus
als eines Systems sozialer Beziehungen und politischer Macht heraus. Im
Zentrum steht dabei ihre Analyse der im Kapitalismus spezifischen und viel-
fach falsch verstandenen Trennung von Ökonomie und Politik, die zu einer
»Privatisierung« der politischen Macht, ihrer Loslösung von den die Gesell-
schaft strukturierenden Sozialverhältnissen führt und strategische Konse-
quenzen nicht nur für die Funktionsweise des bürgerlich-kapitalistischen
Systems, sondern auch für emanzipative Politik zeitigt. Im hieran an-
schließenden zweiten Teil geht sie den konzeptionellen Wandlungen des De-
mokratieverständnisses von der Antike zur Moderne nach und entfaltet eine
Theorie der Demokratie, die das strukturell widersprüchliche Verhältnis von
Demokratie und Kapitalismus herausarbeitet und danach fragt, auf welchen
Wegen die Demokratie über die vom Kapitalismus gesetzten Grenzen weiter
getrieben werden könnte. Sie greift mit dieser Analyse direkt in zeitgenössi-
sche Debatten ein und wendet sich dabei gegen mechanistische und ökono-
8mistische Traditionen, die sie gerade auch dort ausmacht, wo sich diese selbst
gar nicht so verstehen.

Die Geschichte ist dabei für Meiksins Wood ein prinzipiell offener, ein
umkämpfter Prozess. Der sich in ihm abspielende Kampf zwischen Herr-
schenden und Beherrschten, zwischen Arbeitenden und jenen, die sich diese
Arbeit untertan und zunutze machen, zwischen Demokratie und Klassenpri-
vileg, wird mal offen und mal latent geführt und strukturiert noch immer Ge-
schichte und Gegenwart.  Indem Meiksins Wood diesen Kampf historisch
verfolgt und politisch-theoretisch verarbeitet, geht es ihr, wie sie selbst in der
Zusammenfassung schreibt, weniger um  fertige Antworten als um die Klä-
rung der entscheidenden Fragen und Methoden zur Bearbeitung der vor uns
stehenden Aufgaben. Und weil die vergangenen anderthalb Jahrzehnte, so
schön und drängend dies auch wäre, keinen wirklichen Fortschritt bei der
Klärung dieser Fragen und Methoden erbracht haben, behalten die in diesem
Buch vorgelegten Erkenntnisse, Thesen und Theoreme ihre ganze Aktualität
und Dringlichkeit.

Dass wir uns entschieden haben, diesen modernen Klassiker der neueren
marxistischen Debatte zu übersetzen und zu verlegen, hat aber auch damit zu
tun, dass sich die Zeichen einer Belebung der marxistischen Diskussion auch
in Deutschland wieder mehren. Seit einigen Jahren ist ein neues und tief grei-
fendes Interesse an marxistischer Theorie und linker Geschichtswissenschaft
festzustellen. Doch nur langsam erholt sich die deutsche Linke (in ihrer gan-
zen Heterogenität) von dem tief greifenden Epochenbruch der 1980er und
1990er Jahre. War dieser Bruch auch  ein weltweiter, so nahm er doch in
Deutschland besondere Formen und Ausmaße an. Der Blick über den natio-
nalen Tellerrand ist vor diesem Hintergrund immer auch der Versuch, sich
Diskussionstraditionen wieder anzueignen, die anderswo überlebt haben und
fortgeführt wurden.

Wir verbinden also mit der deutschen Ausgabe dieses Werkes die Hoff-
nung, die neuen Bedürfnisse nach Theorie und Geschichte zu befruchten.
Nötig scheint uns dies allemal: der Krisencharakter unseres Gesellschaftssys-
tems ist deutlicher denn je und die Lösungen, die uns die vorherrschende Po-
litik aufzuzwingen versucht, sind dieselben alten Ladenhüter, die schon frü-
her nicht zur Lösung systemischer Probleme beigetragen haben. Wer jedoch
dieses System zu verändern, gar zu überwinden trachtet, tut gut daran, sich
mit dessen Verständnis zu befassen.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 31. Oktober 2010 um 14:54 Uhr  

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